Verein Salesan Altendorf



Reisebericht
Das Eis ist dünn

Affengeschrei weckt mich. Vorsichtig schlüfe ich unter dem Moskitonetz hervor und mache mich kurzerhand zum Mörder an einem bluthungrigen Flugzeug. Angenehm kühle Dschungelluft und intensive Farben umgeben mich, als ich ins Freie trete. Ich blicke auf. Welch ein Anblick! Er zeigt sich in seiner weissen Pracht, noch; bald wird er sich hinter Schönwetterwolken verstecken.

Ein Frühstücksbuffet à la Mamma, angereichert mit einem Strauss aromatischer Babybananen, wird uns in der Benediktinerinnenabtei Maua zum Zmorge serviert. Die Stärkung tut gut.  Gut auch, dass wir die Fahrt über die Schlaglochpiste zum Marangu Gate, dem Ausgangspunkt für unsere sechstägige Tour, heil überstehen; unserem Chauffeur sei dank.  Wir – Inge, Reiseleiter Werner und ich – greifen tief in die Tasche und schreiben uns ein für die Trekkingtour auf das Dach Afrikas. Unser Bergführer Frederick begrüsst uns, eine verwetterte Daunenjacke und abgelatschte Turnschuhe kleiden ihn. Unterdessen verpacken sechs Träger unsere drei Dreissiglitersäcke.

Los gehts! Die Völkerwanderung beginnt. In der dämmrigen Stimmung des Regenwaldes offenbaren sich intensive Grüntöne, wie ich sie zuvor nirgends gesehen hatte. Ich geniesse die beinahe andächtige Atmosphäre im dichten Urwald,  vor mich hin pfeifend „The Lion King“ aus dem Dschungelbuch.

Das Tagesziel Mandara Hut ist bald erreicht, die ersten 800 Höhenmeter sind überwunden, die Sonne geht um 18:15 Uhr unter. Die Nacht ist lang, die Dämmerung kurz, das Wolkenmeer herrlich. Sonnenaufgang 06:15. Abmarsch 08:15. Ich freue mich auf diesen Tag – ich freute mich zu Recht, denn das Landschaftsbild ist wunderschön abwechslungsreich. Nach kurzer Zeit wird aus dem Regenwald Buschland, die Sonne brennt, der Schneeberg strahlt, der Gletscher schmilzt. Die Tatsache, dass der Kilimanjaro-Nationalpark in Tansania zum UNESCO-Weltnaturerbe gehört, tut auch nichts gegen das trockene Klima. Fachleute schätzen, dass die Eisresten in wenigen Jahrzehnten nur noch Wasser sind, und Wasser versiegt in Afrika schnell – zu schnell.  Wer weiss, wo der Schuh drückt?

Am Nachmittag erreichen wir das Camp Horombo Hut, knapp oberhalb der Baumgrenze – auf fast 4000 Meter über Meer und 1000 Meter über den Wolken, die Freiheit muss grenzenlos sein, müsste; wer hebt die Wolkendecke?

Der Sonnenuntergang ist herrlich. Die Nacht ist dunkel, der Mond voll, die Milchstrasse sehe ich zum ersten Mal. Warum nicht nach den Sternen greifen? Ich schlafe tief und träume nicht, denn morgen gehts weiter auf festgetrampelten Touristenpfaden.

Morgentoilette, Zmorge, Lunchpaket fassen, Wasser auffüllen, Sonnencrème Schutzfaktor 30 einstreichen, Wanderschuhe binden, Abmarsch. Heute gönnen wir uns einen Tag zur Akklimatisierung, das heisst, wir machen einen Ausflug rauf zum „cebra rock“, dem Zebrafelsen: ein kleines Kunstwerk, signiert von der Natur.

Camp Horombo Hut: Gut zweidutzend Zwärgehüsli, zu zwei Dritteln belebt von Guides  und Portern, zu einem Drittel von Touristen aus der westlichen Welt. Die Volkssprachen Swahili und Jagga herrschen bei den Schwarzen vor, einige sind des Englisch mächtig; mächtiger als ich, jedenfalls. Die Trekker kommen aus aller Welt: fröhliche Anwältinnen aus Washington DC, ein Druckereiinhaber aus Sydney, ein über beide Ohren verliebtes spanisches Pärchen in den Flitterwochen, der 72-jährige Amerikaner, der über gewisse Amerikaner klagt; und viele Büezer aus der Schweiz. Die Düfte im Camp sind unbeschreiblich. Die Küche auch. Auf alle Fälle wird mit Hingabe gekocht, serviert und mustergültig angerichtet. Das Essen ist sogar gut! Und sonst hilft ein Schuss Chilisauce.

 Tag vier. Heute wandern wir zur Kibo-Hütte auf 4700 Meter. Die Vegetation verändert sich mit zunehmender Höhe. Sträucher werden kleiner, Farne und Gräser knapper; weiter oben gedeihen nur noch Moose und Flechten. Wir durchwandern eine Frostschuttwüste, wo einst Schnee lag und wo mir jetzt der Wind das Chäppli vom Kopf bläst. „Good luck“ wünschen uns viele mehr oder weniger glückliche Kilibesteiger, die uns entgegenkommen. Gut für die Moral, dass wir den Gipfel jederzeit vor uns sehen.  Es wird immer kälter.

Ich geniesse die lockere Stimmung im Kibo-Camp und schaue hoch zum Gletscher. Unser Koch legt sich nochmals richtig ins Zeug und serviert Spaghetti (nur leicht verkocht) mit der Gemüsesauce, die er mindestens zum dritten Mal aufgewärmt hat. Nach diesem Z’Väsper lege ich mich in meinen Yeti-Schlafsack – platziert in einem Massenschlag. Gut geschlafen habe ich nicht, dafür konnte ich den Vollmond aufgehen sehen. Um Mitternacht starten wir, damit wir den Sonnenaufgang auf dem Kraterrand erleben dürfen. Auf den ersten Metern bin ich ein Ohnmächtiger. Schwarz wirds mir vor Augen. Nein, nicht wegen der Höhe: ich habe einen leeren Magen! Und ein Karren läuft ohne Treibstoff nicht, schon gar nicht auf knapp 5000 Meter über Meer. Ich beginne zu knabbern: Tuttifrutti, Ovosport, gedörrte Chriidebüchsler von daheim. Sofort gehts mir besser, bald gehts  mir gut. Schluck, gluck, schon wieder eine Wasserflasche leer.

Die Stirnlampe muss ich nicht anknipsen, der Mond erhellt den Zickzack-Weg die Geröllhalde hoch. Wir setzen einen Fuss vor den andern. Pole, pole. Langsam, langsam. Die Luft wird mit jedem Schritt dünner. Es ist kalt. Der Nebel ist unser Begleiter. Die Kleider sind weiss vor Rauhreif. Aus Wasser wird Wasserglace. Jeder Meter. Ist. Ein. Riesen. Kraft. Auf. Wan. D.

Doch – wir haben es geschafft! Pünktlich bei Sonnenaufgang stehen wir auf dem Gilmans Point, 5685 Meter, Sicht frei über das Wolkenmeer. Herrlich, wie die Sonne aufgeht! Heieiei, kommt die mir bekannt vor; natürlich! Es ist ja die gleiche wie daheim. Wir lassen uns Zeit und machen uns langsam auf den Weg zum Uhuru Peak, der Friedensspitze. Pole, pole. Jeder in seinem eigenen Tempo. Vorbei an den Gletschern, pole, pole, weiter, durchhalten, bis auf 5895 Meter. Jambo Kibo! Jetzt, die Belohnung: Das Gefühl, auf dem höchsten Punkt des ärmsten Kontinentes zu stehen; der scharfe Wind, der über die Vulkankraterkante fegt; die herrliche Sicht über die Wolkendecke, grenzenlos, darunter Mitmenschen ohne Perspektiven; es ist kaum zum Aushalten, eiskalt.

von Toni
Oktober 2006
Fotos zum Reisebericht

www.salesan.ch    info@salesan.ch    zum Seitenanfang